変手 – Hin-di and the Blinding Flash of the Obvious

Ein noch heute bestehendes Problem im westlichen Karate, ist die falsche Verwendung japanischer Termini. Viele dieser Begriffe sind aufgrund mangelnder Sprach- und Kulturkenntnisse in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts völlig falsch verstanden und interpretiert worden. Darüber hinaus führte dieses mangelnde Verständnis letztlich dazu, dass Begriffe bis heute falsch verortet oder teils auch völlig ausklammert werden.

Einer dieser (ausgeklammerten) Begriffe ist „Hin-di“. Hin-di ist Ryukyu-Dialekt und bedeutet „Variierende Hand“:

– Variation

– Hand

Auf Japanisch wird der Begriff „Hen-te“ ausgesprochen. Doch was bedeutet dieser Begriff in der Praxis? An dieser Stelle eine kleine Anekdote. Folgt man dem Unterricht okinawanischer Karate Meister oder Vertretern des Okinawa Karate über längere Zeit, begegnet man im Unterricht einem bestimmten Phänomen immer und immer wieder. Ich nenne es gerne scherzhaft das

„April-April-er-macht-was-er-will-und-alles-neu-macht-der-Mai“-Phänomen.

Auch wenn nicht ganz ernst gemeint, drücken die eben genannten Bauernregeln das Phänomen dennoch mit am besten aus. Sensei zeigt auf einem Seminar oder im Unterricht Bewegungen einer Kata. Auf dem nächsten Seminar oder im nächsten Unterricht zeigt er die gleichen Bewegungen, führt sie jedoch völlig anders aus. Unter dem Zwang des deutschen Normierungswahns folgt sofort die Frage:

„Sensei, welche Bewegung ist denn nun korrekt?“.

Darauf die Antwort des Sensei:

„Alle sind korrekt!“.

BÄM!!! ….. und es springt einem ins Gesicht. Etwas das im englischen Sprachraum gerne als B. F. O. – The Blinding Flash of the Obvious genannt wird, also die plötzliche Erkenntnis des Offensichtlichen.

Naihanchi-Dachi von Chibana Shoshin, Motobu Choki und Funakoshi Gichin. Völlig unterschiedlich trotz der Tatsache das alle drei den gleichen Lehrer hatten (Itosu Anko).

Auch wenn man es gerne so hätte, so ist Kampfkunst eben nicht normierbar. Dies hat zwei Gründe die bei näherer Betrachtung völlig logisch sind, im modernen westlichen Karate aber immer noch gerne ignoriert werden. Auch an dieser Stelle greife ich wieder zu selbstkreierten Bezeichnungen die ich als sehr treffend empfinde.

  1. お祖父さんの原則 – Ojiisan no gensoku, das „Opa-Prinzip“

Jedem ist doch sicher klar das manche Bewegungen, die ich im Alter von 20 Jahren ausführen kann (man denke nur an den doppelt eingesprungen Butterlfly-Kick mit dreifachem Rückwärtssalto), mit 75 Jahren vielleicht nicht mehr ganz so gut ausführbar sind. Logisch oder!? Hinzu kommt das Karate auf Okinawa schon immer eher in Kleingruppen oder Face-to-Face vermittelt wurde. An dieser Stelle wieder ein Beispiel:

Schüler A kommt zum Sensei als dieser ca. 30 Jahre alt ist. Der Sensei ist jung, agil und lehrt den Schüler Kata. Viele viele Jahre später kommt Schüler B zum gleichen Sensei. Dieser ist mittlerweile 80 Jahre alt und nicht mehr ganz so fit unterwegs. Schüler B bekommt die gleiche Kata wie Schüler A gelehrt. Würden sich Schüler A und B nun treffen, würden sie feststellen dass sie zwar die gleiche Kata von ihrem Sensei gelernt haben, diese aber nicht identisch sind. Der Sensei war zu den beiden Zeitpunkten in unterschiedlicher körperlicher Verfassung und unterrichtete Bewegungen unterschiedlich. Doch das ist noch nicht alles. In dem dazwischenliegenden Zeitraum von 50 Jahren ist noch etwas passiert. Etwas das vielleicht noch viel schwerer wiegt.

  1. 経験の原則 – Keiken no gensoku, das „Prinzip der Erfahrung“

Wie jede Kampfkunst, wurde auch Karate als Mittel zur Selbstverteidigung entwickelt. Aber auch die Fähigkeit sich selbst zu verteidigen ist den jeweils gegebenen körperlichen Voraussetzungen unterworfen. „Jeder Jeck is anners“, wie es in Köln so schön heißt. Somit variieren auch die technischen Möglichkeiten einer jeden Person anhand von Faktoren wie z. B. Körpergröße, Gewicht und Muskelkraft. Manche Techniken funktionieren bei der einen Person gut, müssen bei einer andere aber angepasst oder sogar ersetzt werden um effektiv zu bleiben. Bei wem und wann die Variation erfolgt wird im fortlaufenden Übungsprozess deutlich. Doch nicht nur körperliche Voraussetzungen tragen zu Variationen bei. Veränderungen entstehende im Laufe des Lebens auch durch technische Vorlieben und Spezialisierungen in der Partnerarbeit.

Die alten Meister wussten von diesen Dingen und so entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte unzählige unterschiedliche Versionen der gleichen Kata, die wir heute gerne verschiedenen Stilen zuordnen. Doch Stil ist nichts Starres. Bei genauerem Hinschauen ist Stil immer nur die individuelle Betrachtungsweise einer bestimmten Person zu einem bestimmten Zeitpunkt. Auch innerhalb der heute bekannten Stile entstehen immer und immer wieder Variationen. Motobu Choki demonstrierte in seinen drei Büchern völlig abweichende Versionen der Kata Naihanchi und unterrichtete diese auch. Die Bücher entstanden zu verschiedenen Zeitpunkten in Motobus leben und sind daher ein Spiegel seiner wachsenden Erfahrung.

Motobu Choki mit zwei unterschiedlichen Eröffnungshaltungen der Kata Naihanchi.

Selbst das absolut durchnormierte Shotokan-Ryu kann sich vor Variationen nicht schützen. Schöne Beispiele sind hier das Shotokan-Ryu Kase-Ha oder Asai-Ha, die deutlich vom Standard-Shotokan der JKA oder WKF abweichen und neue Wege beschreiten.

In einem seiner Videos führte Jesse Enkamp die Analogie vom Skaten und Surfen an. Ich finde diese sehr treffend und will sie daher auch verwende. Mit dem Skateboard auf der Halfpipe finde ich eine starre geschützte Situation vor. Wie im Dojo, abgekoppelt von der Realität bewege ich mich auf sicherem Terrain. Ich weiß was mich erwartet. Greife ich jedoch zum Surfbrett und begebe mich auf das offene Meer, bin ich den Wirrungen der Natur unterworfen. Ich muss mich beständig anpassen und verändern. Keine Welle ist wie die Andere, keine Böhe gleicht der Vorherigen. Karate als Kampfkunst und Mittel zur Selbstverteidigung ist auch nichts anderes als Wellenreiten. Menschen und Situationen sind nicht berechenbar. Ich muss in der Lage sein mich dem anzupassen was ich vorfinde. Und somit muss sich auch die Kampfkunst beständig anpassen. Dem Körper, dem Zeitgeist, der Erfahrung. Somit ist jede Kata korrekt wenn sie dem Wind standhalten kann. Frei nach Gichin Funakoshi:

型は正しく、実戦は別もの。

„Kata wa tadashiku, jissen wa betsu mono.“

Kata ist eine Sache, der wirkliche Kampf das Gegenteil!

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